Wirtschaften ohne Geld? Zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und Schenkökonomie.

Kommentar zum Thema der Jahrestagung 2013 von Anna Szumelda, Vorstand der VÖÖ

Der Weg zu ökonomischen Themen führt mich meistens über die Landwirtschaft – zum einen über Landwirtschaft als Tätigkeit, zum anderen über ländliche Räume, in denen diese Tätigkeit stattfindet.

In der Landwirtschaft wird sehr gut sichtbar, wie sich eine kapitalistische Produktionsweise, die auf Kapitalakkumulation und technologische Effizienzsteigerung ausgerichtet ist und in der überwiegend einseitige Interessen vertreten werden, auf Gesellschaft, Umwelt und Natur auswirken kann. Das Prinzip „Wachse oder weiche“ ist in der Landwirtschaft seit langem bekannt: Immer mehr Lebensmittel müssen mit immer intensiveren Methoden produziert werden, um mit einem landwirtschaftlichen Betrieb ein auskömmliches Einkommen zu erwirtschaften. Es wird gestützt durch globale und internationale Marktregelungen im Bereich der Landwirtschaft, geringe Preise für landwirtschaftliche Produkte, Mechanismen, die ein ständiges Mehr an landwirtschaftlicher Produktion fördern und Qualitätsstandards für Lebensmittel, die weniger intensiv-industriell hergestellten Produkten, die diese Standards nicht erfüllen, den Marktzugang im Wesentlichen verwehren. Das alles führt zu Erscheinungen wie einem großflächigen, monokulturellen Anbau, dem Rückgang der Artenvielfalt, zur Beeinträchtigung oder Zerstörung von Boden, Luft und Wasser und zur Übernutzung von Ressourcen. Geld wird also in die Gesellschaft, Umwelt und Natur schädigende Praktiken investiert, und damit wird auch Geld verdient. Dabei widerspricht das der Aufforderung, öffentliche Gelder für öffentliche Güter auszugeben, die u.a. von der Generaldirektion für Landwirtschaft der EU-Kommission vorgebracht wird.

Bei einem Tagungsthema, das das Wirtschaften zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und Schenkökonomie in den Blick nimmt, denke ich an Möglichkeiten, landwirtschaftliche Märkte und Agrarpolitiken umzugestalten – so umzugestalten, dass mit Geld eine Landwirtschaft gefördert und entlohnt wird, die nicht der Kapitalakkumulation einiger weniger dient, sondern die gemeinwohlorientiert und darauf ausgerichtet ist, das Lebendige in der Landwirtschaft zu erhalten. Dies kann nicht innerhalb des „Wachse oder weiche“-Prinzips geschehen, sondern ist nur – im Sinne von Ernst Friedrich Schumacher – in kleineren Strukturen möglich. Wie man sich für eine solche Umgestaltung von landwirtschaftlichen Märkten und Agrarpolitiken einsetzen kann zeigen bereits viele zivilgesellschaftliche Akteure – in Deutschland z.B. die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, in Polen die International Coalition to Protect the Polish Countryside (ICPPPC) oder das Sozial-Ökologische Institut (Społeczny Instytut Ekologiczny, SIE) und auf internationaler Ebene La Via Campesina.

  • Schumacher, Ernst Friedrich (2013) [1973]: Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik. München.