Nachhallticker

Die Nachrichtensendung zu sozial-ökologischen Themen

Von Andreas Siemoneit, Oliver Richters (Mitautor: Wolf Drechsel), verlesen bei der Jahrestagung 2013. Mitschnitt (MP3, 10 MB), Lizenz: CC-BY-SA 3.0. Inspiriert vom Postillon.

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Veranstalter der Tagung

Leipzig. Wie soeben bekannt gegeben wurde, wird im nächsten Jahr die Fortsetzung der Internationalen Degrowth-Konferenzen in der sächsischen Großstadt ausgerichtet. Jana Mildenitz vom Netzwerk Wachstumswende erläutert: „Zur Erreichung einer ökologisch verträglichen Wirtschaftsform ist es unumgänglich, dass wir eine Konferenz veranstalten, für die Menschen aus aller Welt anreisen, die ein Leben mit geringem Ressourcenverbrauch und Treibhausgasemissionen anstreben.“ Hierfür sei die sächsische Stadt und ihre Nähe zum Flughafen Leipzig / Halle ideal.

Die Tagungsreihe hatte 2008 in Paris mit 140 Mitwirkenden begonnen, im letzten Jahr in Venedig waren bereits 700 Personen anwesend. Silvia Tomte von der Universität Leipzig erwartet im nächsten Jahr über tausend Mitwirkende. Sie erläutert: „Wir freuen uns, dass sich mehr und mehr Menschen mit dem Ausstieg aus der Konkurrenz- und Steigerungslogik beschäftigen. Unser Einsatz gilt dem Ziel ist, auch in Zukunft die größte Konferenz dieser Art zu bleiben.“

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Demonstrationen gegen Wachstum
(Tony Esopi, CC-BY-SA 3.0)

Athen. Bereits seit Monaten demonstrieren in Griechenland weite Bevölkerungsteile gegen die Wachstumspolitik ihrer Regierung. Griechenland hat sich seit 2008 zum Vorreiter der Degrowth-Bewegung entwickelt und sein Bruttoinlandsprodukt zur Entlastung der Ökosphäre bis 2013 bereits um 23 Prozent reduziert. Mit Plakaten und Sprechchören dankten die Empörten der deutschen Bundeskanzlerin Merkel, dass sie der griechischen Gesellschaft diesen Weg ermöglicht habe. Nikolaos Pechanos vom Griechischen Rentnerverband: „Mit einer konsequenten Umverteilungspolitik zu Gunsten der Schwachen, der Rekommunalisierung und Rekapitalisierung wichtiger Versorgungsunternehmen und der Einrichtung von Umsonstläden auf Kosten Deutschlands konnten die Grundbedürfnisse aller Griechen gesichert werden und dann eine kontrollierte Schrumpfung eingeleitet werden.“


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Klaus Wowereit
(Superbass, CC-BY-SA 3.0)

Berlin. Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, wurde gestern zum Ehrenvorsitzenden der Transition-Town-Initiativen der Hauptstadt gewählt. Die Initiativen, die den Umbau in eine postfossile, relokalisierte Wirtschaft vorantreiben wollen, würdigen damit seine Rolle beim Scheitern des Neubaus des Großflughafens BER: „Wowereit treibt sein Ziel, Berlin zur ersten Großstadt weltweit ohne Flughafen zu machen, konsequent voran,“ so die Laudatio. Wowereit teilte den Anwesenden mit, er sehe sich durch den Ehrenvorsitz bestärkt, auch bei anderen Berliner Verkehrsprojekten an seinen erprobten Verfahren festzuhalten, insbesondere bei der S-Bahn und der Stadtautobahn 100.

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Oldenburg. Die Vereinigung für Ökologische Ökonomie zog heute Bilanz ihrer diesjährigen Jahrestagung. Der Vorsitzende Niko Paech zeigte sich insbesondere erfreut über das erstmalig genutzte Konzept, den Teilnehmern die Höhe des Tagungsbeitrags freizustellen. Paech: „Bewährt ist ‚Zahle, was du willst‘ bereits bei Friseuren, Restaurants und Kinos. Erstaunlich ist, dass die Menschen selbst beim Tagungsthema ‚Wirtschaften ohne Geld‘ gerne Euros überweisen. Erstmals ist es der VÖÖ gelungen, mit einer simplen Tagung einen dicken Gewinn zu machen.” Paech sieht sich in seinem Konzept bestätigt, mit komplizierten Fachbegriffen Eindruck zu schinden und sich mit Schwiegersohnlächeln durch die Boulevardblätter reichen zu lassen. Paech erläutert: „Meine Anhänger reisen dann selbst zu Veranstaltungen wie dieser an, wo am Ende Rheumadecken verkauft werden.”

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Stellt nachbarschaftliche Beziehungen auf ganz neue Ebene: HK P9S
(Rizuan, CC-BY-SA 3.0)

Stuttgart. Das Oberndorfer Unternehmen Heckler und Koch, weltweit geschätzter Hersteller von Materialien zur Friedenssicherung, möchte sein Engagement für das Gemeinwohl ausbauen. Wie uns aus Vorstandskreisen mitgeteilt wurde, möchte sich das Unternehmen als Vorreiter der Schenkökonomie profilieren. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass „die Dinge, die zum Leben wichtig sind, allen zugänglich gemacht“ werden. Dieser Grundsatz sei laut H&K noch nicht in der ganzen Welt erfüllt, weil aber Werkzeuge der Selbstbestimmung wie das HK P9S sich insbesondere in den wichtigen „nachbarschaftlichen Zusammenhängen“ bewährt hätten, sehe sich das Unternehmen in einer moralischen Pflicht.

Das Unternehmen hat in Deutschland bereits umfangreiche Erfahrungen mit der Schenkökonomie bei der Motivierung politischer Entscheidungsträger gesammelt und möchte als Pionier weitermachen – schließlich gelte in dieser Industriesparte bei allen moralisch aufgeladenen Fragen: „Wenn wir es nicht tun, tut es jemand anderes.“

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Frankfurt. Wie der deutsche Mineralölwirtschaftsverband MWV gestern in Frankfurt mitteilte, wurde ein neues Umweltzertifikat eingeführt, um der wachsenden Nachfrage nach umweltfreundlicher Mobilität Rechnung zu tragen.

Betankung mit regionalem Biokerosin
(Roland Berger, CC-BY-SA 3.0)

Anlass war laut MWV-Hauptgeschäftsführer Klaus Picard die ständig steigende Nachfrage gerade auch von Umweltschützern, die zunehmenden Reisen zu Umweltkonferenzen nachhaltiger zu gestalten. Das neue Zertifikat mit dem Namen „Kero-Sin“ kann – ähnlich wie der CO2-Ausgleich – direkt beim Buchen von Flugtickets erworben werden. Auf diese Weise können umweltbewusste Vielflieger die Herkunft ihres Kerosins beeinflussen. Die Erlöse aus dem Zertifikat kommen Kleinbauern zugute, die Energiepflanzen auf ökologische Weise anbauen, die genaue Verteilung wird auf monatlichen internationalen Konferenzen diskutiert.

Zustimmung kam unerwarteterweise von der Deutschen Bischofskonferenz. Wie deren Pressebüro mitteilte, sei das neue Zertifikat besonders geeignet, die historische Erinnerung an den Ablasshandel zu bewahren und zu fördern.

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Marburg. Der Vorsitzende des Fördervereins Wachstumswende, Gerolf Hanke, gab heute seine Einschätzung des Netzwerktreffens 2013 bekannt, das in der letzten Woche in der Oberlinspher Mühle in Bromskirchen, Hessen stattfand.

Als großen Erfolg der Veranstaltung wertete Hanke, dass es den insgesamt 23 Teilnehmern gelungen ist, 28 voneinander unabhängige und zueinander vollständig inkompatible Theorien der Postwachtumsökonomie zu formulieren. „Wir sind inzwischen in der Lage, auf jede einzelne an uns herangetragene ökonomische Einzelfrage mit mindestens fünf, sich gegenseitig ausschließenden Antworten zu reagieren und so der Meinungsvielfalt der traditionellen Ökonomie mindestens ebenbürtig zu sein.“ so Hanke. Das Ziel des Netzwerks Wachstumswende „Jedem Bürger seine eigene Theorie“ sei damit in greifbare Nähe gerückt.

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Schließt die NSA: Obama

Washington D.C. Nach den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden kündigte US-Präsident Obama an, die NSA zu schließen. Auf Nachfrage, was mit Infrastruktur und Mitarbeitern passieren soll, antwortete er: „Seit langem besteht bei der Bewertung und Einpreisung von Emissionen und Umweltschäden das Problem der Bilanzierung. Mit Hilfe der vorhandenen Datenbanken und Rechenzentren ist es nun möglich, vollständige Umweltbilanzen für Produkte und Dienstleistungen sowie den persönlichen Lebensstil zu erstellen. Hierdurch kann erstmals eine flexible und faire ökologische Steuerung vorgenommen werden.“ Die neue Behörde stellte er unter dem Namen National Sustainability Agency (NSA) vor. Geheiminformationen der CIA zufolge plant Innenminister Friedrich in Deutschland ebenfalls die Einrichtung einer ähnlichen Behörde unter dem Namen Bundesnachhaltigkeitsdienst (BND).

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Berlin. Eine überraschende Wendung nimmt die Kontroverse um die im April veröffentlichten Schlussberichte der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Damals wurden zwei vollständig unabhängige und widersprüchliche Berichte veröffentlicht, einer von der Regierungsfraktion, einer von der Opposition. Bei Erscheinen wurde die Frage thematisiert, wie bei den gemeinsamen Sitzungen jeweils gänzlich verschiedene Diskussionsverläufe empfunden werden konnten.

Neue Erkenntnisse des Parlamentariers Jakob Maria Mierscheid ergaben nun, dass die beiden Lager während der zweieinhalb Jahre stets an unterschiedlichen Sitzungen teilgenommen hatten, die zeitgleich dasselbe Thema behandelten.