Wirtschaften ohne Geld? Zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und Schenkökonomie.

Kommentar zum Thema der Jahrestagung 2013 von Tim Mergelsberg, Vorstand der VÖÖ

Geld gehört zweifellos zu den großartigen Entwicklungen der Menschheit. Durch Geld konnte nicht nur Raum und Zeit überwunden werden – so kann man für ferne, unbekannte oder sogar erst in späteren Generationen lebenden Menschen Dienstleistungen und Ware anbieten – das System Geld beruht auch auf Vertrauen: Die eigentliche Leistung wird für das Gegenüber im wirtschaftlichen Akt erbracht, der Anbietende erhält lediglich ein Versprechen (in Form des Geldes). In diesem Kontext kann sich eine maßgebliche Qualität wirtschaftlichen Handelns entwickeln: Eine gebende Qualität: Man arbeitet für jemand anderes, erhält als Gegenzug ein Versprechen, dass später andere für einen bereit sind zu arbeiten: während eigene Leistung gegeben wird, wird das sinn-freiere behalten.

Großartige Erfindungen bergen allerdings stets auch eine Gefahr und verlangen Verantwortung ab. Bei Geld tritt diese Folge in besonders großem Maße hervor, da es eine abstrakte Größe darstellt, die sich zudem zunehmend verselbständigt: Statt für das Gegenüber zu arbeiten wird häufig und scheinbar im zunehmenden Maße für eine Mehrung des Geldes gearbeitet – die Vorzeichen haben sich also umgedreht und Geld steht im Tauschakt zwischen Anbieter und Nachfrager als zentrales Kettenglied im Raum, nicht etwa das Produkt oder die Dienstleistung und deren Werthaftigkeit.

Wie die in dem formalwirtschaftlichen Rahmen verbleibenden und durch Geld zum Abschluss gebrachten Transaktionen daher derart zu gestalten sind, dass die Qualität der Leistung, also das Sinnhafte, in den Fokus rückt, während die quantitative, monetäre Bewertung in ihre Rolle gewiesen wird indem sie als reiner Ausdruck der Wertschätzung funktioniert, so ist in dem großen Feld des Wirtschaftens ohne Geld der Fokus per Definition bereits auf die Seite der Sinnhaftigkeit gelegt. Die viele Facetten dieser häufig vernachlässigten wirtschaftlichen Handlungen – von Subsistenz- über Tausch- bis hin zur Schenkwirtschaft – sind von vornherein auf eine sinnbehaftete Qualität begründet: Sie sind von dem Mehrungsdrang und der quantitativen Bewertbarkeit weitgehend befreit. Neben all ihren ökologischen und sozialen Vorteilen, die sie mitbringen, leisten sie im Zusammenspiel mit der Formalwirtschaft eine entscheidende Rolle, die Bewertung des Geldes neu zu definieren.

Für mich ist eine Tagung der VÖÖ, die Wirtschaften zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und Schenkökonomie thematisiert, gerade auch deshalb so spannend, weil so die Spannbreite zwischen der heute im Kapitalismus erstarrten Formalwirtschaft und den allzu häufig nur belächelten nichtmonetarisierten Teilbereichen des Wirtschaftens als Ganzes und sich gegenseitig beeinflussende Wirtschaftsrealität betrachtet werden kann und damit eine Vielzahl neuer Wege entstehen können, die die Genialität des Geldes würdigen, den individuellen, sozialen und ökologischen Nutzen aber in den Vordergrund stellen – wo es sinnvoll ist, mit Geld, wo es möglich ist, ohne.