Wirtschaften ohne Geld? Zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und Schenkökonomie.

Kommentar zum Thema der Jahrestagung 2013 von Oliver Richters, Vorstand der VÖÖ

Auf der Jahrestagung 2012 wurde die Rolle von Geld als Wachstumstreiber und -zwang diskutiert. Hierbei wurde erkannt, dass steigende Verschuldung und drohende Überschuldung uns zu Wachstum zwingen, und dass diese Dynamik sich bei steigenden Geldvermögen verschärft. Möchte man nun Perspektiven einer Wirtschaft ohne Wachstum herausarbeiten, wie es die VÖÖ seit 2010 tut, ist „Wirtschaften ohne Geld?“ die radikale und provokante Gegenfrage, die es zu diskutieren gilt.

Zunächst ist unabhängig von der Wachstumsfrage festzustellen, dass Geld sicherlich in gewissen Bereichen den Status einer Ersatzreligion übernommen hat, wobei der rein monetäre Bewertungsmaßstab moralische wie ethische Abwägungen für nichtig erklärt. Eine Rückbesinnung zu „echten Werten“ statt bankgeschöpftem Fiat-Geld klingt daher zunächst verlockend.

Auch heute beruht ein großer Teil des gesellschaftlichen Alltags auf nicht-monetären Beziehungen, Geld wird besonders für „entfernte“ Beziehungen benötigt: Niemand würde für das Trösten eines Freundes Geld verlangen. Er wird interessanterweise vielleicht trotzdem sagen, er „stehe in meiner Schuld“. Möchte man nun die Bedeutung des Geldes zurückdrängen, ist zu klären, wie nicht-monetäre Verbindungen auf weitere Menschen ausgedehnt werden kann, mit denen wir agieren (müssen).

Meine These hierfür ist, dass eine Tauschwirtschaft kein sinnvolles Ziel ist, denn hier ist der stete Vergleich genauso involviert wie beim Geld. Stattdessen sollte überlegt werden, wie die Idee des Schenkens gefördert werden kann. Verschenkmärkte, aber auch der internationale Erfolg von Creative-Commons-Lizenzen („Ich schenks dir, wenn du jedem sagst, dass es von mir war“) oder Open Access in der Wissenschaft zeigen, wie man weiterdenken und -handeln könnte.

Doch ähnlich wie beim Wachstum darf nicht übersehen werden, dass die Entstehung des heutigen materiellen Wohlstands wohl erst durch die Erfindung des Geldes entstehen konnte, wie es David Graeber in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5.000 Jahre“ darlegt. Erst durch Kredit konnten Märkte und Handel entstehen, die dem Menschen ermöglichten, über das unmittelbares Lebensumfeld hinauszublicken und Zeit für zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften zu erübrigen. Diese würden bei simpler Abschaffung des Geldes nicht zwangsläufig bestehen bleiben.

Ich freue mich auf die Auseinandersetzung mit diesem Thema im September an der Uni Oldenburg.