Laudation zu Matthias Schmelzer: „The hegemony of growth“

 

Prof. Dr. Sigrid Stagl, WU (Wirtschaftsuniversität Wien)

 

Wo man hinsieht, nimmt man Dr. Matthias Schmelzer als einen kritischen, engagierten und gründlich recherchierenden jungen Forscher und Aktivisten wahr.

Ein paar Eckpunkte aus seinem Lebenslauf: Ab 2009 nahm Matthias Schmelzer am PhD-Programm „Transformations in Global Governance. Europe and the World Order in Historical Perspective“ an der Europäischen Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) teil und verfasste seine Dissertation zum Thema: “The hegemony of growth. The making and remaking of the economic growth paradigm and the OECD, 1948–1974”; mit hervorragendem Studienerfolg. Im Oktober 2013 verteidigte seine Dissertation und ist nun Postdoctoral Researcher am Paul Bairoch Institut für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Genf.

Aber gehen wir nochmal einen zeitlichen Schritt zurück: Bevor er seine heute geehrte Dissertation schrieb, studierte Matthias Schmelzer Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie an der Humboldt Universität zu Berlin; ein Jahr davon studierte er an der Uni in Berkeley.

Schon während des Grundstudiums sammelte er den ersten Preis für eine akademische Arbeit; in seiner Diplomarbeit widmete er sich dem Fairen Handel und schrieb eine „Studie zu den Wirkungen Fairen Handels auf Produzenten und die freie Marktwirtschaft“.

Aber Matthias Schmelzer ist nicht nur ein ausgezeichneter Forscher, er engagiert sich auch seit langem als Autor von breitenwirksamen Artikeln zu solidarischen Postwachstumsökonomie und auf praktischer Ebene. Während des Studiums machte Matthias Schmelzer Praktika in Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen, teilweise im globalen Süden. 2010 half er die Konferenz „Jenseits des Wachstums“ in Berlin und hier die Degrowth Konferenz zu organisieren. Unser diesjähriger Dissertationspreisträger ist also eine ganz spannende Mischung mit viel Potenzial.

Die Jury war sich einig, dass dies eine hervorragende Arbeit ist; gute Recherche und Analyse kombiniert mit hoher Relevanz für den aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs.

Diese Dissertation trägt m.E. zur neuen Generation von dringend nötiger ökologisch-ökonomischer Forschung bei.

Die ÖÖ (Ökologische Ökonomie) Community hat in den letzten Jahrzehnten bedeutendes geleistet, biophysische und manchmal auch soziale Variablen in ökonomische Analysen reinzureklamieren und einzufügen. Dadurch wurde besseres Verständnis der Interdependenzen von gekoppelten Systemen entwickelt und diese Interdependenzen sichtbarer gemacht.

ÖÖ haben auch Framings, Kategorien und Institutionen hinterfragt und Alternativen vorgeschlagen. BIP als alleiniges Ziel wird äußerst kritisch gesehen, viele Alternativen (Indizes wie Indikatorensysteme) und nötige Änderungen in der Makroökonomie wurden von der Community erarbeitet.

Matthias Schmelzers Dissertation ist ein gutes Beispiel einer anderen Art von Analyse, die der ÖÖ bisher großteils noch fehlte. Die Doktorarbeit analysiert die historische Genese der allumfassenden Priorität des Wirtschaftswachstums. Es wird dadurch klar, dass der Prozess weniger der einer wissenschaftlichen Einigung auf die bestgeeignete Variable war; vielmehr war es ein Geltendmachen von Interessen und Macht. Dies im Detail zu erkennen, liefert ein besseres Verständnis von Barrieren von Veränderung aber auch wie Prozesse der Veränderung angestoßen und realisiert werden können.  Ich finde derartige historische und institutionelle Analysen essenziell um das Entstehen, Funktionieren von Institutionen verstehen und die Veränderung von Institutionen schaffen zu können. In diesem Sinne meine ich, dass Dr. Matthias Schmelzers Dissertationen einen bedeutenden Beitrag zur ÖÖ leistet, genau was wir für den Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie gesucht haben. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich!