Laudation zu Dirk Posse: „Zukunftsfähige Unternehmen in einer Postwachstumsgesellschaft“

 

PD Dr. Irmi Seidl, Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL)

 

Dirk Posse ist vor gut 28 Jahren in Frankfurt geboren, hat in Hanau sein Abitur gemacht und lebt nun nach Lehr- und Wanderjahren wieder in Hessen – jetzt in Marburg – so der eingereichte Lebenslauf. Nach dem Abitur zog er nordwärts, studierte in Münster Politik und Wirtschaft und schloss mit einem Bachelor ab. Nach dem Bachelor absolvierte Herr Posse in Oldenburg einen Masterstudiengang in „Sustainability Economics and Management“. Und dort reichte er als Masterarbeit die hier prämierte Arbeit ein, Hauptbetreuer und -gutachter war Niko Paech, Zweitgutachter ein Herr Dorniok. Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen scheinen Herrn Posse seit seinem Studium zu beschäftigen; er war in der Studenteninitiatve Wirtschaft und Umwelt in Münster engagiert und arbeitete dort im Weltladen; in Oldenburg engagierte er sich bei sneep, dem students network for ethics in economics and practice. Wie ich vor Kurzem lernte, ist das ein internationales Netzwerk von Wirtschaftsstudierenden mit Gruppen in vielen Universitäten, die sich mit Ethikfragen beschäftigen.

Und zwischendrin war Herr Posse einiges unterwegs. In Namibia für ein Praktikum, in Australien, in Nizza, wo er ein Erasmus-Jahr verbrachte – und – so stellte ich beim Lesen seiner Arbeit fest – sich dort wohl auch einen Einblick in die französische décroissance-Diskussion verschafft hat. Jedenfalls war ich sehr beeindruckt, dass Herr Posse auch weiss, was in Frankreich dazu publiziert wurde. Herr Posse hat weiter Praktika absolviert – wiederum zu Umweltthemen: bei der Münchner Rück und bei der GTZ.

Nun, worüber hat Herr Posse seine Masterarbeit geschrieben, die wir als preiswürdig bewerteten – und dies bei hochstehender Konkurrenz. Sie trägt den Titel: Zukunftsfähige Unternehmen in einer Postwachstumsgesellschaft. Eine theoretische und empirische Untersuchung. Was Dirk Posse dabei erforscht und erarbeitet hat, wird er nun selbst vorstellen.

Wieso hat die Jury des Kapp-Forschungspreises für Ökologische Ökonomie diese Arbeit als preiswürdig empfunden und ausgewählt?

Zunächst zum Thema bzw. Gegenstand der Arbeit: In der aktuellen Wachstumskrise und der Diskussion über eine Postwachstumsgesellschaft sind Unternehmen von zentraler Bedeutung, dies vor allem aus 2 Gründen: Zum einen wird dort das, was wächst oder wachsen soll, hergestellt. Zum anderen gehört es zu den Grundannahmen unserer Wachstumsgesellschaften, dass der Zweck jedes Unternehmens ist zu wachsen und dass ein Unternehmen, das nicht wächst, spätestens nach wenigen Jahren Konkurs anmelden wird. Dieses Wachstumsdogma sitzt tief – insbesondere in der BWL und Unternehmenswelt. Auch Nachhaltigkeitsbekenntnisse ändern da nicht viel; es werden zwar Effizienzpotentiale identifiziert und z.T. ausgeschöpft und manches Produkt auf eine weniger schädliche Version umgestellt, doch der Umweltverbrauch steigt und steigt und die Gretchenfrage „Wachstum“ wird umschifft.

J. Forrester, der Vater des Systemmodells, das dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome, zugrunde liegt, formulierte es 2009 so: „I think one of the biggest management problems is going to be to understand how to manage a successful nongrowing company – and how to get out of the frame of mind that success is measured only by growth…“

Zu diesem grössten Managementproblem gibt es kaum wissenschaftliche Arbeiten. In diese Lücke stösst Dirk Posse mit einem wertvollen Beitrag – und zwar sowohl theoretisch wie auch empirisch.

Er bettet die Thematik breit ein – und da erkennt die Leserin den Forscher, der die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen des Wachstumsthemas durchgedacht hat. Er macht – was mich sehr beeindruckte – eine beachtlich breite Literaturrecherche – ohne sich dann in der Darstellung zu verlieren – und hebt dabei Schätze älterer Literatur. Es brachte mich zum Stauen, was da von wem schon früh geschrieben wurde! Wie ich schon erwähnte, baut Dirk Posse auch die französisch-sprachige Diskussion zum Thema ein, neben der englisch-sprachigen. Über eine Rezeption der Transformationsforschung begründet er, wie Unternehmen Teil der Postwachstumsgesellschaft sein und werden können. Sehr nützlich erachte ich seine Identifikation von Wachstumstreibern in Unternehmen – präziser in seinen Worten: „von unternehmerischen Wirkungszusammenhänge, die als Wachstumstreiber wirken“. Spätere AutorInnen werden diese genauer spezifizieren und weitere identifizieren – Dirk Posse hat eine ausgezeichnete Grundlage gelegt. Und dann entwickelt Herr Posse mögliche Ansätze für Unternehmen, um wachstumsneutral zu werden – wobei er nicht von Wachstumsneutralität, Nullwachstumsunternehmen etc. spricht, sondern von „zukunftsfähigen Unternehmen in einer Postwachstumsgesellschaft“. Nach einer beeindruckenden theoretischen und konzeptionellen Arbeit untersucht er, wie es Unternehmen im regional ausgerichteten Ernährungsbereich mit dem Wachstum halten. Dazu führt er eine Fokusgruppendiskussion und spiegelt die Ergebnisse an seinen vorherigen Erkenntnissen und Überlegungen.

Weiter hat der Aufbau der Arbeit und die Schwerpunktsetzung die Jury überzeugt: Dirk Posse begründet seine Arbeit breit und zugleich gezielt, er legt den Fokus auf die wichtige Frage der Wachstumstreiber einerseits und Strategien andererseits, die Wirkungszusammenhänge so verändern können, dass die Wachstumstreiber verringert oder umgangen werden können. Die Empirie ist das Sahnehäubchen: Die Wahl der Fokusgruppendiskussion ist gut begründet, die Auswahl von Sektor und Unternehmen nachvollziehbar, theoretischer und empirischer Teil sind gut verknüpft.

Weiter ist die Arbeit eine interdisziplinäre – Dirk Posse verarbeitet kritische Wachstumsliteratur, Transitionsforschung, ökonomische Literatur, Umweltforschung, klassische und kritische Betriebswirtschaftslehre – und hat auch verschiedenste Klassiker aus diesen Bereichen verarbeitet.

Schliesslich zur Gestaltung der Arbeit. Wir hatten Freude beim Lesen der Arbeit: sie ist klar aufgebaut und geschrieben, es wird direkt und gut nachvollziehbar argumentiert, Folgerungen sind gut begründet und nachvollziehbar.

Kurzum: Wir befanden die Arbeit als eindeutig preiswürdig – und dies wie gesagt, bei sehr guten weiteren Bewerbungen. Wir freuen uns sehr, diese Masterarbeit prämieren zu dürfen. Wir sind überzeugt, dass sie eine gute Grundlage für weitere Forschungsarbeiten ist. Unser Wunsch ist, dass Sie die Arbeit gut zugänglich machen, Herr Posse, so dass viele darauf aufbauen können. Ihnen persönlich wünschen wir alles Gute und viel Erfolg auf Ihrem weiteren beruflichen und persönlichen Lebensweg.

Dirk Posse
Zukunftsfähige Unternehmen in einer Postwachstumsgesellschaft
Ausgezeichnet mit dem Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie 2014
132 S., VÖÖ e.V., Heidelberg, Februar 2015, ISBN 978-3-9811006-2-4,
erhältlich im Buchhandel oder versandkostenfrei bei uns, 11,95 €.
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