Laudation zu Corinna Burkhart: „Who says what is absurd?“

 

apl. Prof.  Dr. Niko Paech, Universität Oldenburg, und Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Finke, Universität Bielefeld

 

Die von Corinna Burkhart vorgelegte Arbeit „Who says what is absurd? A case study on being(s) in an alternative normality” ist eine höchst originelle, für das Thema unserer Ausschreibung, nämlich „Wirtschaft ohne Wachs­tum“, äußerst einschlägige und unbedingt preiswürdige Abhandlung. Diese Masterarbeit thematisiert nicht nur die Bedingungen und Möglichkeiten eines Alltags jenseits dessen, was unter gesellschaftlicher Normalität verstanden werden kann, sondern weicht selbst in doppelter Weise vom Normalzustand der Nachhaltigkeits­forschung ab. Dies gilt inhaltlich und methodisch.

Inhaltlich hält sich Corinna Burkharts Untersuchung nicht lange mit der hinlänglich traktierten Frage auf, ob und warum eine Wirtschaft ohne Wachstum möglich, unvermeidbar oder gar wünschenswert ist. Ebenso wenig verliert sich die Arbeit in zähen, zum tausendsten Mal gehörten Beschwörungen von Transformationsszenarien, die eine nachhaltigkeits­affine politische Instanz voraussetzen, deren Existenz unter den Bedingungen real existierender Konsumdemokratien immer unwahr­scheinlicher zu werden scheint. Nein, die Verfasserin geht einige Schritte weiter, indem sie die Frage stellt, wie sich ein Leben in einer Welt ohne wirtschaftliches Wachstum aus individueller Sicht überhaupt darstellen lässt.

Nur aus dieser Perspektive lässt die Lücke schließen, an der die meisten Konzepte einer Wirtschaft ohne Wachstum zu scheitern drohen. Denn wenn die aus wachstumskritischer Sicht einhellig betonte Kernaussage zutrifft, dass ein auf hemmungsloser Ausübung materieller Freiheiten basierendes Wohlstandsmodell auch unter Aufbietung noch so gut gemeinter technischer Innovationen nicht von ökologischen Schäden entkoppelt werden kann, dann bleibt nur noch ein Ausweg: nämlich Reduktion. Aber: Eine Reduktion der im Zuge umfänglicher Modernisie­rungs­vorgänge gewachsenen Ansprüche an Konsum, Mobilität und sonstige industriegemachte Bequemlichkeit lässt sich nicht delegieren. Diese Reduktion sickert früher oder später auf die individuelle Ebene durch. Dort muss sie ertragen, gemeistert und in neue, eben genüg­samere Alltagspraktiken überführt werden. Genau an dieser Stelle ergießt sich für gewöhnlich ein Hagelschauer der sozialpolitisch mo­tivierten Vorbehalte, versteckter Verlustängste oder Ökodiktaturvorwürfe.

Denn schließlich geht es um nichts geringeres als einen zumindest gradu­ellen Rückbau von zerstörerischen Konsum- und Verkehrs­struk­turen, für die kein adäquater Ersatz existiert, der einerseits ökologisch verträglich ist und andererseits das erhalten oder auf lediglich andere Weise wiederher­stellen könnte, was als Normalität – oder als „gewachsene“ Normalität – empfunden wird. Und was nicht normal ist, kann wohl nur absurd sein… aber Moment mal: Wer sagt, was normal und was absurd ist? Wer setzt die Norm?

Corinna Burkharts Arbeit behandelt auf elegante und plausible Weise den Umstand, dass Normalität aus subjektiven Sinnzuschreibungen resultiert, also nichts anderes als eine Interpretationsleistung darstellt. Gesell­schaft­liche Normen üben Macht aus, regulieren somit menschliches Handeln, sind aber nicht in Stein gemeißelt. Den Ausgangspunkt möglicher Normen­veränderungen sieht Corinna Burkhart in der Beziehung zwischen Erfah­rungen, Subjektivität und gesellschaftlichen Strukturen. Was aber passiert, wenn Normen radikal verändert werden, fragt die Verfasserin daran an­knüpfend, und welche Potenziale eines gesellschaftlichen Wandels resultieren daraus?

Diese Forschungsagenda wird von Corinna Burkhart zunächst theoretisch einbettet, nämlich unter Zuhilfenahme von Roy Bhaskars Ansatz für das Verständnis des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft, Arun Agrawals Studien zur Wirkung eigener Er­fah­run­gen und Alf Hornborgs Arbeiten zum Fremdwerden des bislang Vertrauten.

Konsequenterweise stützt sich die von der Verfasserin angewandte Methodik auf umfassende Phasen teilnehmender Beobachtung, Leit­fadeninterviews und der Analyse eigener praktischer Erfahrungen, die sie im Rahmen eines äußerst interessanten Experiments machen konnte. Corinna Burkhart hat sich für mehrere Monate nach Can Decreix begeben, also an einem Ort gelebt, an dem Bedingungen für postwachstums­taug­liche Alltagspraktiken vorherrschen.

Die von ihr systematisch analysierten Erfahrungen aus erster Hand, die sie geteilt und miterlebt hat, sind durch keine Theoriearbeit oder Literatur­re­cherche zu erlangen. Dies ist ein bemerkenswerter, wenngleich auf­wen­diger  Ansatz, um herauszu­be­kom­men, welche Probleme aus individueller Sicht beim Versuch zu bewältigen sind, ein Leben unter Postwachstums­bedingungen zu führen und durch­zuhalten. Die dem Einzelnen zugemutete Veränderung materieller, organi­satorischer und mentaler Strukturen ist so erheblich, dass alle ge­lehr­ten Abhandlungen darüber weltfremd oder zumindest sehr abstrakt er­schei­nen müssen, wenn ihnen die Dimension der eigenen Langzeiterfahrung fehlt.

Anwendungsbezug und Praxisrelevanz sind die besonderen Stärken der Arbeit. Corinna Burkhart zeigt überzeugend, dass Praxiswandel noch nicht Normalitätswandel bedeuten muss, aber unter günstigen Voraussetzungen auch zu einem solchen führen kann. Bei kaum einer anderen Arbeit, die wir diesmal zu bewerten hatten, wurde so gut erkennbar, wie groß der Unterschied zwischen Bücherwissen und erlebtem Wissen ist. Es zeigt sich: Wissen und Leben sind zwei verschiedene Dinge. Wir können aus dieser Arbeit lernen, wie wichtig es für Theoretiker großer gesellschaftlicher Veränderungen ist, Orte und Kontexte zu schaffen, an denen alternative Erfahrungen gemacht werden können. Nur so lässt sich die Diskrepanz zwischen Realitätssinn und Möglichkeitssinn verringern.

Ein Gedankenexperiment: Würden wir die Anzahl, Häufigkeit und Dauer dieser sog. „Experimente“ steigern, ergäbe sich irgendwann eine Situation, in der nicht mehr von Experimenten, sondern tatsächlicher Transformation die Rede sein müsste, weil das vormals Absurde nun von hinreichend vielen Menschen praktisch als das neue Normale empfunden werden kann.

Somit leistet die Preisträgerin nicht nur einen wertwollen analytischen Beitrag zur wachstumskritischen Nachhaltigkeitsforschung, sondern lässt neue Perspektiven für denkbare Transformationsmuster aufblitzen. Hinzu kommt, dass sich die Arbeit von Corinna Burkhart einer fachlich präzisen, aber trotzdem leicht verständlichen Sprache bedient. Die Lektüre dieser Arbeit vermittelt einen lebendigen Eindruck von den Schwierigkeiten, aber eben auch Möglichkeiten eines Wandels mit Zielrichtung Wirtschaft ohne Wachstum. Die Arbeit hat der Jury so gut gefallen, dass sie entschieden hat, diese Arbeit mit einem der diesjährigen Kapp-Preise auszuzeichnen.

Corinna Burkhart
Who says what is absurd?
A case study on being(s) in an alternative normality
Ausgezeichnet mit dem Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie 2014
104 S., VÖÖ e.V., Heidelberg, März 2015, ISBN 978-3-9811006-4-8,
erhältlich im Buchhandel oder versandkostenfrei bei uns, 10,00 €.
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